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1939 wieder deutsch

 


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Foto: Unterzeichnung des Staatsvertrags im Auswärtigen Amt am 22. März 1939: Litauens Außenminister Juozas Urbšys (links) und sein deutscher Amtskollege Joachim von Ribbentrop
Foto: Unterzeichnung des Staatsvertrags im Auswärtigen Amt am 22. März 1939: Litauens
Außenminister Juozas Urbšys (links) und sein deutscher Amtskollege Joachim von Ribbentrop

Wie das Memelland wieder deutsch wurde
1939 gab Litauen das Memelgebiet zurück
Im Hintergrund stand ein massiver litauisch-polnischer Konflikt
von Hans-Jörg Froese

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, am 22. März 1939, wurde zwischen dem Deutschen Reich und der Republik Litauen ein Staatsvertrag geschlossen, der die Rückgabe des Memelgebiets an das Reich regelte. Damit wurde eine der ältesten Grenzen Europas nach 20 Jahren Unterbrechung wieder hergestellt.

Der deutsch-litauische Staatsvertrag geht auf eine grundlegende Änderung der Außenpolitik Litauens im März 1938 zurück. Die Gründe dafür waren zum einen der Anschluß Österreichs, der vor aller Welt zeigte, daß das Versailler System zu Ende ging, zum anderen aber – und wichtiger – ein polnisch-litauischer Grenzzwischenfall, bei dem Polen wegen der Erschießung eines polnischen Grenzsoldaten scharfe Maßnahmen gegen Litauen ankündigte. In einer polnischen Protestversammlung in Wilna wurden damals die Worte laut: „Wir wollen nach Memel.“ Die nationalistische Opposition in Polen forderte nicht weniger als Marinestützpunkte in den beiden (damals) litauischen Häfen Memel oder Polangen – der Preis wäre die völlige Abhängigkeit des Kleinstaates von Polen gewesen.

Um nicht vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, bereitete die Reichsregierung für den Fall eines polnisch-litauischen Konfliktes die militärische Besetzung des Memellandes vor. Zugleich aber trat sie mit Polen in Verbindung und stützte die polnischen Forderungen an Litauen, die auf den Erhalt des territorialen Status quo zwischen beiden Ländern hinausliefen, während Litauen nicht bereit war, die bestehende Grenze mit Polen anzuerkennen, sondern Ansprüche auf Wilna (litauisch Vilnius) erhob.

Bei der litauischen Regierung hinterließ die Märzkrise des Jahres 1938 den unangenehmen Eindruck, politisch isoliert dazustehen. Die Hoffnung auf Rußland erwies sich als trügerisch. Von England und Frankreich war keine Unterstützung zu erwarten. So mußte Litauen dem konzertierten deutsch-polnischen Druck nachgeben. Zwar versuchte Kaunas nolens volens auch eine Verständigung mit Polen, doch dessen Position war hart: Warschau nutze das Vorfühlen Litauens zu dem Versuch, das kleine Nachbarland in seine Abhängigkeit zu bringen, um dann mit diesem Ostpreußen zu umfassen. Dahinter standen letztlich alte polnische Vorstellungen, daß das katholische Litauen angesichts der jahrhundertelanger Real- und Personalunion beider Länder eigentlich zu Polen gehöre. Um diesen drohenden Souveränitätsverlust abzuwehren, suchte Kaunas schließlich den Ausgleich mit Deutschland – der Preis waren Zugeständnisse in punkto Memelland.

So erbat der litauische Botschafter in Berlin, Jurgis Šaulys, am 18. März 1938 im Auswärtigen Amt eine Beschwerdeliste hinsichtlich des Memelgebiets. Der eine Woche später von den Deutschen übergebene Katalog umfaßte elf Punkte, von der Aufrechterhaltung des Kriegsrechts seit 1926 bis hin zur Verhinderung der gesetzgeberischen Tätigkeit des an sich autonomen Landtags.

Die nächsten Monate waren von zunehmender Kooperation beider Seiten gekennzeichnet. Auf eine Anfrage Litauens bei den Signatarmächten der „Konvention über das Memelgebiet“ (kurz: Memelkonvention) bezüglich möglicher Einwände gegen eine Souveränitätsübertragung an Deutschland, erklärten England und Frankreich im März 1939 freie Handlungsmöglichkeit, Italien und Japan stimmten durch Schweigen zu. Artikel 99 des Versailler Vertrages, wonach das Memelland zugunsten der alliierten und assoziierten Hauptmächte abgetrennt wurde und damit nicht mehr Teil des Deutschen Reichs war, wurde damit faktisch widerrufen.

„Der Deutsche Reichskanzler und der Präsident der Republik Litauen haben sich entschlossen, durch einen Staatsvertrag die Wiedervereinigung des Memelgebietes mit dem Deutschen Reich zu regeln, hiermit die zwischen Deutschland und Litauen schwebenden Fragen zu bereinigen und so den Weg für eine freundschaftliche Gestaltung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu eröffnen …“ So lautet der Beginn und auch die Kernaussage des 1939 im Auswärtigen Amt unterzeichneten deutsch-litauischen Staatsvertrages.

Das Vertragswerk wurde nach Zustimmung des Ministerrats und der litauischen Regierung, vom litauischen Parlament „Seimas“ einstimmig gebilligt. Großbritannien erteilte seine Zustimmung und die drei übrigen Signatarmächte der Memelkonvention fochten es zumindest nicht an. Seine völkerrechtliche Gültigkeit hat der Vertrag bis heute behalten, denn er wurde später nie aufgehoben oder geächtet; auch das Zwei-plus-vier-Vertragswerk von 1990 läßt das ganze Thema unerwähnt. Durch Reichsgesetz vom 23. März 1939 wurde das Memelgebiet mit Wirkung vom 22. März 1939 Bestandteil des Deutschen Reiches und „in das Land Preußen und in die Provinz Ostpreußen eingegliedert“.

Zwischen der Memel und der wiederhergestellten Staatsgrenze waren Jubel und Begeisterung groß; ein Gefühl der Genugtuung und der Dankbarkeit, wieder deutsch sein zu dürfen, herrschte vor – obwohl ein großer Teil der Menschenrechtsverletzungen des Dritten Reiches von der Einrichtung der KZ über den Röhm-Putsch bis zu Euthanasie und Kristallnacht bekannt waren. Der Jubelstimmung folgte der politische Alltag mit seinen Umstellungen und Anpassungen an das nationalsozialistische System. Während die Jugend sich zum größten Teil unkritisch mit den neuen Verhältnissen abfand, wurden viele Ältere bald nachdenklich.

Auch ist anzuführen, daß aufgrund von Denunziation und Neid selbst manche Memelländer, die während der Abtrennungszeit für den Erhalt der deutschen Kultur eingetreten waren und sich für den Anschluß an das Deutsche Reich eingesetzt hatten, nach der Rückgliederung persönliche Nachteile hinnehmen mußten. Das reichte vom Ämterverlust und der Ersetzung durch Personen aus dem Reich bis zur Inhaftierungen. Mit Unterstützung beziehungsweise auf Betreiben von Parteistellen versuchten manche,  „offene Rechnungen“ bis hin zum Volksgerichtshof zu begleichen. So fanden 1940 Prozesse gegen Memeldeutsche statt, die angeklagt waren, mit Litauen und Litauern kooperiert, ja paktiert zu haben. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein halbes Jahr nach der Rückgliederung des Memelgebiets an das Deutsche Reich brachte dann einschneidende Veränderungen in allen Familien wie überall in Deutschland.

Seit der Rückgliederung sind mittlerweile 70 Jahre vergangen, in denen sich das Rad der Geschichte weitergedreht hat. Noch heute leben im Memelland schätzungsweise rund 5.000 Deutsche beziehungsweise Deutschstämmige. In der seit dem 11. März 1990 unabhängigen Republik Litauen genießen sie Minderheitenschutz. 

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt, 28.03.2009

 

 

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