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Eine Tragödie

 


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  »Eine Tragödie, kein Verbrechen«

Christopher Clark wendet sich in seinem neuesten Buch der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges zu
von Manuel Ruoff

Der nicht zuletzt durch Arbeiten zur Geschichte Preußens ausgewiesene australische Historiker Christopher Clark vermittelt in „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ auf über 800 Seiten eine Fülle an Sachinformationen und kommt zu einem Schluss, die der herrschenden These des Versailler Vertrages und Fritz Fischers von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg widerspricht.

Kaum eine Frage ist derart verbissen diskutiert worden wie die nach den Ursachen des Ersten Weltkrieges. Die Gründe hierfür sind sowohl (geschichts)wissenschaftlicher als auch (geschichts-)politischer Natur. Clark wird nicht müde zu betonen, wie komplex die Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkriegs gewesen sei. In der Tat gibt es eine Fülle von Faktoren und Einflussgrößen sowie parallelen Entwicklungen, deren Gewichtung gegeneinander wahrlich schwierig ist.

Diese Komplexität beinhaltet für den Geschichtswissenschaftler die Gefahr und den Geschichtspolitiker die Chance, durch selektive Wahrnehmung beziehungsweise Darstellung der Fakten die unterschiedlichsten, ja einander widersprechende Thesen scheinbar plausibel untermauern zu können. So verweist Clark darauf, dass keine einzige Großmacht von der Zuweisung der Hauptverantwortung völlig verschont blieb. Clark weist aber im selben Atemzug auch darauf hin, dass Deutschland der „häufigste Kandidat“ ist, was kaum verwundert, wird doch die Geschichte von den Siegern geschrieben.

Und damit sind wir bei der Geschichtspolitik. Kaum eine Diskussion ist derart von geschichtspolitischen Motiven überlagert wie die nach den Ursachen des Ersten Weltkrieges, nach der „Schuld“ für den Kriegsausbruch. Das liegt zweifelsohne maßgeblich daran, dass die alliierten Sieger des Ersten Weltkrieges die Härten gegenüber den besiegten Deutschen mit deren angeblicher Kriegsschuld zu rechtfertigen suchten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholte sich dies. Man denke nur an die Argumentation, mit der versucht wird, die Vertreibung der Deutschen zumindest zu relativieren, wenn nicht gar zu rechtfertigen. Allerdings gibt es einen wichtigen Unterschied. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland besetzt und dessen Bevölkerung einer Umerziehung unterworfen. Während nach dem Ersten Weltkrieg ein breiter Konsens unter den Deutschen in der Ablehnung der alliierten Kriegsschuldthese bestand, ist die Diskussion der Schuld am Zweiten Weltkrieg durch das Dogma von der deutschen Alleinschuld tabuisiert. Nationalkonservativen Kreisen, die sich nicht des Tabubruchs schuldig machen wollten, blieb vor diesem Hintergrund zur Verteidigung des eigenen Landes nur die Theorie vom zweiten Dreißigjährigen Krieg, die den Zweiten Weltkrieg als Fortsetzung des Ersten betrachtet und damit die Bedeutung der Schuld am Zweiten Weltkrieg relativiert, vielmehr wieder die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg in den Fokus rückt, die ja auch in der Bundesrepublik frei diskutiert werden darf. Entsprechend große geschichtspolitische Bedeutung kommt vor diesem Hintergrund der These Fritz Fischers zu, dass das Deutsche Reich auch am Ersten Weltkrieg die Alleinschuld trage.

Angesichts dieser geschichtspolitischen Überlagerung kann es nicht von Schaden sein, dass sich nun der Frage nach den Ursachen der europäischen Selbstzerfleischung mit Christopher Clark ein Autor aus einem Kontinent annimmt, der zwar zum Britischen Empire gehört hat und immer noch dem Commonwealth angehört, dem aber Europa doch so fern ist, wie kein anderer Erdteil. Auf eine nicht interessegeleitete Untersuchung sine ira et studio lässt auch die Tatsache hoffen, dass in jenem Krieg, um den es hier geht, Vorfahren von ihm und seiner Ehefrau auf unterschiedlichen Seiten der Front gekämpft haben.

Clark weiß sehr wohl um die Brisanz seines Themas und versucht es zu entemotionalisieren. So nimmt er gar nicht erst für sich in Anspruch, eine Antwort auf die Kriegsschulfrage zu geben. Explizit widmet er sich nicht der Frage nach dem Warum und damit der Kriegsursache, sondern versucht vielmehr frei von Theorien der Frage nach dem Wie nachzugehen. Das klingt herrlich ideologiefrei und erinnert an Leopold von Rankes (1795–1886) Ziel aufzuzeigen, „wie es eigentlich gewesen“ ist. Überhaupt ist Clarks Herangehensweise in mancher Hinsicht erfrischend bodenständig. Er theoretisiert nicht über irgendwelche gesichtslosen Prozesse und Strukturen, weist vielmehr auf die Bedeutung hin, die auch Einzelpersonen haben können, was der von vielen so gerne geübte Schuldzuweisung an ganze Kollektive – sei es nun das deutsche Volk, das preußische Militär oder das ostelbische Junkertum – entgegenwirkt. Nach Leopold von Ranke (1795–1886) erinnert Clarks Herangehensweise damit auch an einen anderen großen deutschen Historiker, Heinrich von Treitschke (1834–1896), von dem das von Sozial- und Strukturhistorikern viel kritisierte Wort stammt: „Männer machen die Geschichte.“

Wenn Clark auch auf Fakten statt auf moralinsaure Theorien setzt, so drückt er sich doch nicht darum, aus den von ihm dargebotenen Informationen eine Schlussfolgerung zu ziehen. Sie lautet, dass „der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen“ gewesen sei. Und die Protagonisten von 1914 zeichnet er als „Schlafwandler – wachsam aber blind, von Alpträumen geplagt, aber unfähig, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten“. Das ist nicht sehr originell, erinnert es doch stark an Lloyd Georges bereits 1920 getroffene Feststellung: „Keiner der führenden Männer dieser Zeit hat den Krieg tatsächlich gewollt, Sie glitten gewissermaßen hinein, oder besser, sie taumelten oder stolperten hinein, vielleicht aus Torheit.“ Allerdings bestätigte Fischer mit seiner Kriegsschuldthese auch nur ein Diktat aus dem Jahre 1919, nämlich das von Versailles. Und geschichtlicher Fortschritt (wenn es ihn denn gibt) äußert sich eben nicht nur in neuen Erkenntnissen, sondern auch in der Untermauerung vorhandener.

Wie nachhaltig Clarks These wirkt, ob sie die Fischer-These wird ablösen können, werden wir wohl spätestens im Sommer nächsten Jahres sehen, wenn sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal jährt und sich ein Heer von Buchautoren und Journalisten nolens volens auf Clarks Thema stürzen wird.

Christopher Clark: „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, DVA, München 2013, geb., 896 Seiten, 39,99 Euro (Erscheinungstermin der deutschen Ausgabe war der 9. Sept. 2013)


 

Die Fischer-Kontroverse

Bis heute konnte in der Frage der Kriegsursachen und der deutschen Kriegszielpolitik kein Konsens unter den Historikern erzielt werden. Die Diskussion über die verschiedenen Deutungsweisen, die nicht nur eine rein wissenschaftliche ist, sondern auch eine eminent politische und mit den Auseinandersetzungen um die Selbstdefinition der deutschen Gesellschaft verknüpfte Kontroverse thematisiert, ist als „Fischer-Kontroverse“ mittlerweile selbst in die Geschichte eingegangen.

Den Anstoß zur Überprüfung der bis dahin von der deutschen Historiografie im Interesse eines identitätsstiftenden historischen Konsensus tradierten Thesen, die unter Rückgriff auf das Diktum Lloyd Georges davon ausgegangen waren, dass die kriegführenden Parteien während der Julikrise 1914 „ungewollt irgendwie in den Krieg hineingeschlittert“ seien, gab der Hamburger Historiker Fritz Fischer 1961 mit seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“. Darin betont er den deutschen Anteil an der Auslösung des Krieges und vertritt die Position, dass die deutsche Reichsleitung dadurch eine maßgebliche Verantwortung für den Ausbruch des Krieges trage, dass sie diesen langfristig geplant und 1914 in Verfolgung kontinentaler Hegemonialziele auch beabsichtigt habe. Obwohl Fischer fundierte Forschungsergebnisse vorlegen und schließlich die lange Zeit wissenschaftlich wie politisch herrschenden nationalen Legitimationsideologien zerstören konnte, sind seine lange die traditionelle deutsche Geschichtswissenschaft dominierenden Kritiker um Gerhard Ritter, Egmont Zechlin, Theodor Schieder und Karl Dietrich Erdmann nicht verstummt. Unter anderem auf die Aufzeichnungen des Kanzlermitarbeiters Kurt Riezler gestützt, die als eine der wichtigsten Quellen zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges und zur deutschen Kriegspolitik gelten, gingen diese davon aus, dass die Reichsleitung den Krieg lediglich für den Fall in Erwägung gezogen habe, dass das vorrangige politische Ziel, die Entente durch Drohungen und Demonstrationen militärischer Stärke zu sprengen, nicht erreicht werden konnte. Nach dieser Interpretation hat die Reichsleitung den Krieg nicht nur nicht bewusst herbeigeführt, sondern ihn auch nicht gewollt. In jüngerer Zeit sind allerdings Stimmen laut geworden, welche den Quellenwert der Riezler-Tagebücher zur Widerlegung der These Fischers aufgrund editionstechnischer Bedenken wie nachträglich durch den Verfasser vorgenommene Überarbeitungen relativieren.

Christopher Clark schildert und bewertet auf schlüssige Weise den eine Eigendynamik entfaltenden Mechanismus, der schließlich zum Kriegsausbruch geführt hat. Damit stellt er Fischers seit Jahrzehnten allgemeingültige These von der besonderen Kriegsschuld des Kaiserreiches mehr als in Frage. J.H.

Quelle:
Foto: Archivmaterial;
 Text: Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt Ausgabe 39/13, 28.9.2013

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