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Hermann Sudermann


Gedenkschrift - 70 Jahre LO-NRW

70 Jahre LO Landesgr. NRW
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Richard v. Weizsäcker würdigt Friedrich den Großen
Quelle: Preussen-Mediathekwww.youtube.com/watch?v=4el3RkrerEM

Richard v. Weizsäcker würdigt im Jahre 1986 Friedrich den Großen
anläßlich seines 200. Todestages am 17. August 1786.

Die Berliner Rede des Bundespräsidenten zum 200. Todestag des Preußenkönigs.

I.

Am 1. Juni 1740 ritt der neue König von Preußen, Friedrich II., hier in den Schloßhof von Charlottenburg ein. Sein Vater, Friedrich Wilhelm I., war am Tag zuvor gestorben. Friedrich wollte nicht in das zehn Kilometer entfernte Berlin, wo das Volk ausgelassen seiner Freude über den Thronwechsel Ausdruck gab.

Einen Tag gönnt er sich Ruhe. Am 2. Juni fängt er an zu regieren. Er tut es auf eine Weise, die nicht nur dem Land, sondern ganz Europa den Atem verschlägt. Den Generälen schärft er ein, sie sollten das Land nicht verderben, sondern beschützen. Den Ministern bedeutet er, es sei nicht ihre Aufgabe, die Krone zu bereichern und die armen Leute zu unterdrücken. Höchstes Ziel seiner Regierung sei „des Landes Vorteil”.

Am nächsten Tag verfügt er den Verkauf von Getreide aus den königlichen Magazinen zu Niedrigpreisen, um einer Hungersnot vorzubeugen. Er schafft die Folter bei Verhören ab. Die Prügelstrafe bei der Armee wird eingeschränkt, Kindsmörderinnen werden nicht mehr ertränkt.

Wenige Tage darauf läßt er zwei Zeitungen gründen, denen er den ewig gültigen Satz mit auf den Weg gibt: „Gazetten dürfen, wenn sie interessant sein wollen, nicht genieret werden!"

Kurz darauf folgt die berühmte Maxime, jeder in Preußen solle nach seiner Fasson selig werden. Friedrich II. von Preußen hat in seinen ersten Wochen als König mehr bewegt als die meisten Monarchen während ihrer ganzen Regierungszeit.

II.

Was war er für ein Mensch? Man wußte, daß er leidenschaftlich gern Flöte spielte, daß er Gedichte und hochgeistreiche Briefe schrieb; man munkelte, daß er ein Werk unter der Feder habe, das ein Manifest aufgeklärten Herrschertums werden sollte.

Auch war bekannt, daß er eine, alles in allem, fürchterliche Jugend unter einem tyrannischen Vater verbracht hatte, Friedrich Wilhelm I., der ihm nahezu alles verboten hatte, was er liebte. Der Vater hatte diesem eigentümlich störrischen und unbeugsamen Sohn den Willen, ja das Rückgrat brechen wollen. Das ist ihm nicht gelungen.

Wenn Friedrich sich schließlich anpaßte, dann nur zum Schein. Nun war er frei. Er war nicht nur sein eigener Herr, er war der Herr des ganzen Landes. Würde er sich jetzt ausschließlich seinen Liebhabereien widmen, ein Schöngeist auf dem Thron? Gewiß, das war er, und er wollte es sein, aber einer, der regiert. In einem Land, dessen Namen man im übrigen Europa kaum kannte, herrschte plötzlich ein junger König, der die Welt bezauberte, ein Roi charmant, ein Märchenkönig.

Friedrich der Große hat 46 Jahre lang regiert. Ziemlich genau in der Mitte seiner Regierungszeit, am 31. März 1763, finden wir ihn wieder hier in Charlottenburg, in der Schloßkapelle. Der Siebenjährige Krieg ist zu Ende.

Aus dem strahlenden Jüngling ist der „Alte Fritz” mit Krückstock und recht schäbiger Uniform geworden. Das ehemals fast volle Gesicht ist nunmehr hager und schmal.

Wolfgang Venohr beschreibt die Szene: „Er hat Musiker und Sänger gestellt, die in der Schloßkapelle ein Tedeum seines alten Konzertmeisters Johann Gottlieb Graun aufführen sollen. Alles erwartet den königlichen Hofstaat zur Sieges- und Friedensfeier. Friedrich kommt ohne Begleitung. Er will allein sein. Er nimmt in der Kapelle Platz und gibt das Zeichen zum Beginn. Als der Chor den Lobgesang zur Ehre Gottes anstimmt, stützt er weinend das Gesicht in die Hände.”

Lange Jahre voller harter Arbeit und Pflichterfüllung lagen noch vor ihm. Aber sie sollten an seinem Bild, das er tief in das Bewußtsein der Völker eingegraben hatte, nur noch wenig ändern. Er war der meistbewunderte Mann seiner Zeit geworden, aber auch wenig geliebt. Eine schwer durchdringliche Einsamkeit umgab ihn. Alle Menschen, denen er innerlich nahegestanden hatte, waren tot, seine Mutter, seine Lieblingsschwester, seine Freunde. Bis in den Grund seines Herzens kannte ihn keiner mehr auf der Welt.

Er war und blieb den Menschen ein Rätsel, das er selbst nicht auflösen wollte. Die Menschen sahen, was er tat, aber die Motive seines Wesens und Handelns blieben im dunkeln. Hat er sie jemals offenbart? Kaum ein anderes Fürstenleben seiner Zeit ist so gut dokumentiert wie das Friedrichs, kaum einer hat so viele schriftliche Zeugnisse aller Art hinterlassen wie er. Kaum einer bleibt so schwer zu fassen.

III.

Keinen ernsthaften Streit gibt es darüber, daß Friedrichs Geist und Charakter — und damit natürlich auch sein Leben und seine Taten — unendlich weitgespannt und widersprüchlich sind. Nach den Charlottenburger Tagen im Juni 1740 und nach einer Inspektionsreise durch seine Länder begibt er sich in sein geliebtes Schloß Rheinsberg. Voltaire ist angekommen. Opern- und Ballettaufführungen, Konzerte, Feste, geistreiche Geselligkeit machen den kleinen Hof zum glänzendsten Europas. Friedrich ist heiter, voll funkelnden Witzes, gelöster Lebensfreude, voll fortschrittlicher humaner Ideen. Sein Anti-Macchiavell ist erschienen. Die Welt jubelt einem Fürsten zu, der endlich, endlich die Vernunft und die Moral über die Macht stellt.

Hin und wieder verschwindet Friedrich für einige Stunden aus dem Kreis der Feiernden. Denn er hat ja auch zu tun. Er verbirgt, daß er an seinen Einmarschplänen nach Schlesien arbeitet. Er teilt seinen total verdatterten Generälen seinen unumstößlichen Entschluß mit, mitten im Frieden und ohne jede Vorankündigung in Schlesien einzumarschieren. Dann kehrt er lächelnd in die kerzenerleuchteten Säle zurück und verstreut mit leichter Hand die Perlen seines Geistes unter die begeisterte Gesellschaft.

Das ist Maske und Täuschung. Ja, man kann sich des Gefühls nicht erwehren, daß es ihm Vergnügen bereitet, alle hinters Licht zu führen, selbst den großen Voltaire, der sich auf seine Menschenkenntnis so viel zugute hält und ihn als Friedensfürsten feiert, während er, Friedrich, unter Bruch von Regeln und gegebenen Worten einen Eroberungskrieg vorbereitet. Gewiß, im 18. Jahr-hundert raubten sie alle, England, Frankreich, Rußland und später auch Amerika. Angriffskriege und Vertragsbrüche waren an der Tagesordnung. Aber war Friedrich nicht anders? War er nicht die neue Hoffnung für alle fortschrittlichen Reformer? Der Antimacchiavell?

Er war anders und war es nicht. Machtpolitik und Aufklärung, humane Kultur und Gewalt, Freiheit und absolute Herrschaft — für Friedrich gab es keine Auflösung des Dilemmas, sondern das eine und das andere.

Er war verliebt in Musik, Philosophie und Dichtung, in geistreiches Gespräch und heitere Geselligkeit. Er spielte den anderen nichts vor, was er nicht war. Er verdeckte nur einen wahren Teil seines Wesens mit einem anderen nicht weniger wahren. Er war, um eine Formulierung Hugo von Hofmannsthal zu gebrauchen, ein vollendeter „Schauspieler seiner selbst”. Was immer er der Welt von seinem Wesen zeigte — es war immer nur ein Teil von ihm, aber es war ein Teil von ihm.

Man gewinnt den Eindruck: das ist ein Mensch, der es, ob bewußt oder nicht, im letzten darauf angelegt hat, die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen seines eigenen Wesens zu erforschen. In seinem Leben gibt es Beispiele für entschlossenen Mut und Wankelmut, für den tiefen Willen zur Gerechtigkeit und für platte Willkür, für Selbstbeherrschung und Launenhaftigkeit, für Treue und Verrat, für Humanität und Grausamkeit, für Pflichterfüllung und Leichtsinn, für Genialität und schwere Fehler in der Schlacht.

Er trat für die Gleichheit aller Menschen ein und war womöglich der absoluteste Herrscher in Europa. Er verstand sich und handelte als „Anwalt der Armen” — und mußte doch während des Siebenjährigen Krieges das Letzte aus seinem Lande herauspressen. Er begründete die Unabhängigkeit der Justiz in Preußen, um selbstherrlich in sie einzugreifen, wenn es ihm nötig erschien. Er kannte die Augenblicke höchsten Triumphes und tiefster Verzweiflung.

Er liebte die Musen und den Frieden — und er wurde der bedeutendste Kriegsherr seiner Zeit. Ob ihn der Tod von Tausenden von Soldaten rührte, war schwer wahrzunehmen, doch er weinte beim Tod seines Windspiels, dem er ein Grabmal errichten ließ. Ihm erschien zuletzt alles menschliche Treiben sinnlos — und doch rackerte er sich mit einer nimmermüden Arbeitswut für sein Land ab.

Er hatte einen mächtigen Staat geschaffen — und kümmerte sich doch kaum um seinen nicht sehr vielversprechenden Nachfolger. Es ist kein Wunder, daß dieser unglaublich begabte Mensch seinen Zeitgenossen ein Rätsel war — und daß er es bis heute geblieben ist. Der Streit um seine Person reicht bis in unsere Tage. Die einen verherrlichen ihn als Vorbild eines Herrschers — und sie haben recht.

Andere verdammen ihn als gewissenlosen Zyniker — auch sie haben Gründe dafür. Und dennoch haben beide wohl nur einen Teil des Ganzen erfaßt. Friedrich ist auf keinen einheitlichen Begriff zu bringen. Der Beiname „der Große” wurde ihm schon zwei Jahre nach seinem Regierungsantritt von Voltaire gegeben und setzte sich mit wechselnden Begründungen allmählich in vielen Ländern durch.

In England wissen heute nur wenige, wer Frederic II war; dagegen kennt man Frederic the Great. Dennoch wurde und wird diesem König der Beiname immer wieder streitig gemacht, nicht zuletzt bei uns. Ein Student belauschte einmal ein Gespräch, das Goethe mit einem gewissen Herrn von Hagen führte. Dieser Hagen meinte, daß „die wahre Größe stets zugleich eine sittliche sein müsse”.

Wer so denkt, hat es schwer, mit Friedrich dem Großen ins Reine zu kommen.

Es ist nun interessant zu sehen, wie Goethe auf diese These reagiert: Er widerspricht. „Die vollendete sittliche Größe”, sagte er, „ist in keinem Individuo der Menschheit vorhanden, wird also nur gedacht und nirgends angeschaut." Wer von historischer Größe vollendete sittliche Größe verlangt, der leugnet die Möglichkeit historischer Größe.

Goethe fährt fort: „Der kantische Imperativ setzt die Menschen autonomisch und autokratisch voraus, in welchen die Leidenschaften kaum entstehen, viel weniger siegen können. Nun aber sehen wir die Menschen oft in der Gewalt unsichtbarer Mächte, denen sie nicht widerstehen können, die ihnen ihre Richtung geben; und oft scheinen ihre Neigungen und Handlungen in einem über alles Gesetz hinaus liegenden Gebiete willkürlich zu walten. Alles, auch das sittlich Abnormste, bietet eine Seite dar, von wo es als groß erscheinen kann.” Wenn wir diesen Sätzen nachsinnen, kommen wir vielleicht dem Geheimnis der Person Friedrichs ein Stück näher. Er fühlte sich seinen Zeitgenossen überlegen. Im politisch-militärischen Raum erkannte er wohl nur dem Prinzen Eugen einen ebenbürtigen Rang zu. Im geistigen Umkreis seiner Zeit war es allein Voltaire, zu dem und über den Friedrich mit Verehrung sprach. Ihn bezauberten Esprit, Anmut und literarischer Rang des Franzosen. Aber dieser zweifellos echten Verehrung war doch unübersehbar eine gehörige Portion sarkastischer Spott beigemischt.

Anders ist Friedrichs zuweilen demütigende Behandlung Voltaires nicht zu erklären.

Wenn er sich nun gar unter den regierenden Herrschern umschaute, dann fand er da niemanden, dem er zutraute, es ihm gleichzutun.

Gewiß, er hat, trotz seiner bösen Gedanken, Maria Theresia geachtet. Er erkannte sie als das an, was sie war: als konsequente große Herrscherin. Das war viel — doch darüber hinaus hielt er sie für bigott und beschränkt. Daß sie die Wärmere, die Sympathischere war, dürfte ihn wenig berührt haben, ihm kaum aufgefallen sein.

IV.

Friedrich war praktisch vom ersten Regierungstage an berühmt. Die Welt jubelte ihm zu. Er galt als der Friedensfürst. Wenn es seine Absicht gewesen war, durch Inhalt und Stil seiner Regierung seine Mitwelt zu beeindrucken, so hatte er dieses Ziel alsbald glänzend erreicht. Aber er wollte mehr. Er wollte der Welt zeigen, daß er auch ein Großer im Kampf war. Nur so konnte er sich vorstellen, Ruhm zu gewinnen. Und Ruhm suchte er mit unwiderstehlicher Leidenschaft.

Er war intelligent genug, nicht irgendwie wild um sich zu schlagen, sondern seinen Feldherrnruhm dort zu suchen, wo er sich mit den Interessen seines Königreiches verband. Das war nun einmal Schlesien. Sein Erwerb gab Preußen „eine Figur”. Aber er wollte nicht nur einen Vorteil für seinen Staat, sondern Schlachtenruhm für sich. Auf seinem Degen war eingraviert: „Pro gloria et patria” — in dieser Verbindung und Reihenfolge. Schlachtenruhm hat er gewonnen wie sonst nur noch Napoleon nach ihm.

Vor allem im Siebenjährigen Krieg erlebte Europa das bis dahin nicht gesehene Schauspiel, daß ein regierender Herrscher jahrelang seine Hauptstadt nicht mehr betrat, sondern an der Spitze seines Heeres im Felde kämpfte. und sich dabei letzten Endes als unbezwingbar erwies. Sein Ruhm wuchs ins Unermeßliche. Er breitete sich über die ganze Welt aus. Friedrich selbst aber, der nun in Fülle besaß, was er so ersehnt hatte, war inzwischen längst über die Ruhmsucht hinausgewachsen.

Er war der schweren Opfer gewahr geworden, die ihr Preis sind. Er hatte bittere Niederlagen und Not kennengelernt. Ruhmsucht wurde durch unbeugsame Härte überlagert. Friedrich suchte den Frieden nur unter der Bedingung, daß am Status quo, den er in den ersten beiden Schlesischen Kriegen gewaltsam hergestellt hatte, nichts geändert werde. Davon wich er nicht ab.

Er war eher bereit zu sterben, die Existenz Preußens, seines Landes, aufs Spiel zu setzen, als auch nur einen Quadratmeter seiner Eroberungen aufzugeben.

Aus dem Siebenjährigen Krieg gibt es Sätze von ihm wie diesen: „Ich will meine Machtstellung behaupten oder untergehen und alles, selbst den Namen Preußen, mit ins Grab nehmen.” Es schaudert einen, wenn man sie liest. Mann kann keine verantwortbare Politik in ihnen erkennen.

Und doch gründen sich sein Ruhm und seine Leistungen gerade auf seine Unüberwindbarkeit, auf seine Fähigkeit, auch in Situationen, die jeden anderen zur Aufgabe veranlaßt hätten, sich selbst zu behaupten. Was ihn dazu befähigte, war sein unbedingter und durch nichts zu beugender Wille, nicht aufzugeben, und der Welt seinen Willen aufzuzwingen. Friedrich war vor allem deshalb unüberwindlich, weil er rücksichtslos gegen sich war und sich letztlich selbst für unbezwinglich hielt. Das glaubten ihm zunächst sein eigenes Heer, dann die feindlichen Armeen und schließlich ganze Völker. Und so gab man am Ende gegen ihn auf. Natürlich war es nicht allein der Wille Friedrichs, der zum Hubertusburger Frieden führte.

Ohne seine strategischen und organisatorischen Fähigkeiten und ohne den politischen Umschwung in Rußland hätte ihm sein Wille allein nichts genützt. Es war die Kombination der Gaben und Umstände, die ihn für seine Gegner so unbezwinglich machte.

„Der Klügere gibt nach” — das war kein Leitmotiv für Friedrich. Zu Kompromissen war er im Siege bereit, dagegen niemals in der Bedrängnis oder Niederlage. Was ihn dennoch besonders auszeichnete, war neben der Stärke des Willens die Kraft zur Mäßigung.

In seiner Jugend schweiften seine Träume noch in die weite Welt. Im Alter von 20 Jahren schrieb er: „Ich schreite von Land zu Land, von Eroberung zu Eroberung und nehme mir wie Alexander stolz neue Welten zu erobern vor." Als er dann aber die Straße des Kriegsruhms tatsächlich beschritt, lernte er, sich zu zügeln.

Zwar wollte er keinen Quadratmeter Schlesiens zurückgeben. Genauso wahr aber ist, daß er sich auch durch größte militärische Triumphe nicht dazu verleiten ließ, mit den Mitteln des Krieges auch nur einen Quadratmeter über Schlesien hinaus haben zu wollen. Obwohl er Sachsen jahrelang besetzt hielt, obwohl sich ein großer Teil des Siebenjährigen Krieges in Böhmen abspielte — er dachte nie daran, sich Teile dieser Länder einzuverleiben.

Der Maßlosigkeit seines Durchhaltewillens stand das klar bestimmte Maß seiner politischen Ziele gegenüber. Er wollte nicht die österreichische Monarchie gefährden. Er war ein überzeugter Vertreter des europäischen Gleichgewichts und damit der Existenz der europäischen Mächte. Nur daß er eben, im Gegensatz zu seinen Konkurrenten, ein Gleichgewicht wollte, in dem Preußen eine, wenn auch die kleinste, Großmachtrolle spielen sollte.

Eine dynastische Denkstruktur verband er mit überragender politischer Intelligenz. Daraus ergab sich die Mäßigung in seinen politischen Zielen. Die Eingliederung Schlesiens war mit den eigenen Mitteln Preußens zu schaffen, und zwar vor allem mit denen, die sein Vater geschaffen hatte, sein Respekt vor den Leistungen des Vaters war ständig gewachsen. Weitere Annexionen aber hätten die Ressourcen seines Landes überfordert. Zudem war sich Friedrich bewußt, daß jede zusätzliche kriegerische Gebietserwerbung Preußen endgültig isoliert und somit in seiner Lebensgrundlage entscheidend gefährdet hätte. Sein politisches Hauptziel war es jedoch, die von ihm geschaffene Großmacht Preußen in das europäische Staatensystem einzugliedern und damit seine Zukunft zu sichern. Das war schon schwer genug. Neue Schlachten wollte er nach den drei Schlesischen Kriegen nicht mehr schlagen.

Neue Gebietserwerbungen konnten, das war ihm wohl bewußt, nur im Einvernehmen mit den anderen europäischen Großmächten getätigt werden. So kam es, im Verein mit Rußland und mit Osterreich, zur ersten polnischen Teilung. Ein Ruhmesblatt ist sie für niemanden. Fragen des Rechts und der Moral leiteten keinen der Handelnden, auch nicht Maria Theresia, deren Haltung Friedrich mit den bekannten sarkastischen Worten beschrieb: „Sie weint, aber sie nimmt.” Für den Preußenkönig stand das Verhältnis zu Rußland im Vordergrund. Zu seinen Lebzeiten hatte Rußland seine neue Rolle als Großmacht in den europäischen Angelegenheiten aufgenommen. Mit diesem gewaltigen, an Einfluß ständig wachsenden Nachbarn gerade wegen seiner Gefährlichkeit gute Beziehungen zu haben, wurde Friedrich um so wichtiger, je länger er regierte.

Er wollte immer ein Freund der Russen sein, aber niemals ihr Sklave. Er war der erste, der dieses Grundgebot deutscher Politik erkannte. Manche Nachfolger taten es ihm gleich. Und solche, die sich dieser Einsicht verschlossen, fügten dem eigenen Land nur Schaden zu.

V.

Nach dem Siebenjährigen Krieg regierte Friedrich noch 23 Jahre. Sein Ziel war es, die europäischen Nachbarn an das neue Machtgebilde Preußen zu gewöhnen, in keine Verwicklungen nach außen zu geraten und deshalb in erster Linie seinen Staat im Inneren zu kräftigen. Rastlos und weitblickend, ungeduldig und doch planvoll, unbeirrbar und immer einsamer werdend arbeitete er dafür. Er ließ Sümpfe trocken legen, gründete zahllose Dörfer und trieb das Erziehungs- und Schulwesen voran. Einwanderer waren willkommen. Preußen wurde auf diese Weise zum Rettungshafen für viele Verfolgte. Auch wenn Friedrich kein Freund der Juden war, so ging es in seinem Staat doch entschiedener als in Nachbarländern mit der Gleichberechtigung jüdischer Bürger vorwärts.

Er betätigte sich als königlicher Volkswirt im Finanz- und Münzwesen, im Bergbau und Hüttenwesen, im Kaffee- und Tabakmonopol, mit der Königlichen Porzellanmanufaktur, in Webereien aller Art. Mit Mühe, selbst mit Hilfe von Kanzelabkündigungen, erzog er die Bevölkerung zum Kartoffelanbau.

Er suchte nicht die Konflikte mit dem Adel, den er brauchte und achtete. Aber er setzte sich mit ständigem Nachdruck gegen Frondienste der Bauern und gegen das Bauernlegen ein.

Von Volksherrschaft war keine Rede. „Nicht durch das Volk, alles für das Volk” — mit dieser Devise regierte Friedrich unumschränkt allein und absolut. Aber er schlug damit breite Schneisen von bleibender Bedeutung für die Zukunft.

Wichtigstes Beispiel ist das Recht. Schon 1752 hatte er den für die damalige Zeit unerhörten Satz geschrieben: „Vor Gericht müssen dis Gesetze sprechen, und der Herrscher muß schweigen.” Ständig war er mit der Rechtspflege unzufrieden. Er vermißte Rechtsklarheit und witterte Klassenjustiz. Er wollte das Recht des kleinen Mannes schützen und ihm Vertrauen in den Staat einflößen. Seine Auffassungen waren geradezu sozialrevolutionär: Der Dieb sollte nicht mehr mit Gefängnis bestraft werden; denn wären die Armen nicht elend, so würden sie nicht stehlen. In der Wahl seiner Mittel hatte er wenig Skrupel. Im berühmten Fall des Müllers Arnold griff er selbst zur Willkür gegen die Unabhängigkeit der Justiz, um dem Kleinen gegen den Großen zu helfen. Sein eigener Tageslauf war durch eine geistige Regsamkeit ohnegleichen geprägt.

Wie kein anderer Herrscher reflektierte er ständig, was er tat. Seiner Einsamkeit entsprach seine Fähigkeit zur Selbstkritik, eines Großen würdig. Sein Staat wurde ein geistiges Zentrum mit wachsender Ausstrahlung und Anziehungskraft. Der aufblühenden deutschen Kultur stand er selbst skeptisch gegenüber. Der deutschen Literatur wollte er dadurch den größten Gefallen erweisen, daß er sie nicht beachtete. Und doch gibt es gute Gründe für die Auffassung, daß die klassische deutsche Kultur, die sich dann in dem Residenzstädtchen seines Großneffen Carl August, in Weimar, zentrierte, ohne ihn nicht möglich gewesen wäre. In der Bewunderung seiner Person und seiner Taten wurden sich die Deutschen, in unzählige kleine Fürstentümer politisch getrennt, plötzlich ihrer Gemeinsamkeit bewußt. Lessings „Minna von Barnhelm” ist dafür ein bis heute lebendiges Zeugnis.

Man wollte es ihm nachtun. Auch ein kleiner achtjähriger Junge in Frankfurt war mit seiner Mutter echt „fritzisch” gesinnt. Nur der Vater, der Kaiserliche Rat Goethe, hielt zu den Habsburgern.

Der König selbst wurde immer mehr zum Stoiker und Asketen. Es gibt vom Alten Fritz kein Bild mit Krone und Hermelin. Er war nicht prunksüchtig, nicht geldgierig. Am Schluß lebte er fast nur noch in Sanssouci, einem zauberhaften Bau, der aber im Vergleich zu unzähligen Residenzen kleiner Duodezfürsten sehr bescheiden war: vier Zimmer für Arbeit und Leben des Königs, vier Zimmer für Gäste, ein Salon.

Von den neuen Einkünften Schlesiens bestimmte er 0,5 Prozent für seine Hausschatulle, 99,5 Prozent gingen in die Staatskasse. Er verlangte nichts von den Gütern dieser Welt für sich. Dafür arbeitete er wie besessen.

Alles entschied er selbst. Er war unfähig, Verantwortung abzugeben — aber er lief nicht vor ihr davon. Er nahm sie auf sich, arbeitend bis zum Tage vor seinem Tod.

VI.

Friedrich und die Folgen — das ist ein großes und schwieriges Kapitel unserer Geschichte. In einer schwer zu entwirrenden Weise vermischen sich die politischen Auswirkungen seiner Herrschaft, die geistige Belebung, die von ihm ausging, und eine gefährliche Mythenbildung um seine Person. Die Gewichte des deutschen Sprachraums veränderten sich. Das Deutsche Reich österreichischer Prägung ging seinem Ende entgegen. Neben den südlichen katholischen Reichslanden war ein mächtiger protestantischer Norden entstanden. Damit veränderte sich auch das kulturelle Klima. Zum festlichen Rokoko Süddeutschlands trat der strenge Klassizismus Berlins.

Die Erstarkung Preußens zur europäischen Großmacht hatte die Einflüsse in Deutschland nachhaltig verändert. Die meisten deutschen Staaten verloren im Laufe des 19. Jahrhunderts nach und nach an Gewicht, so daß die Dinge trotz des Rückschlages in der napoleonischen Zeit immer stärker auf Preußen zutrieben. 1848 wurde dem preußischen König vom Frankfurter Parlament die Kaiserkrone angetragen, es folgten der Zollverein, der Norddeutsche Bund und schließlich, 1871, das Deutsche Reich. Die Hauptstadt Preußens wurde auch zur Hauptstadt Deutschlands. Der König von Preußen wurde zusätzlich Deutscher Kaiser.

Das Deutsche Reich wurde bis 1945 vom Ausland überwiegend als ein preußisches Deutschland empfunden. Deshalb lösten die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg den Staat Preußen ausdrücklich und formell auf. Es war Preußen, das man treffen wollte, weil man ihm das ganze Unglück des Jahrhunderts zuschrieb. Das war freilich eine arge Vergewaltigung der Geschichte. Aber es zeigt doch, daß Preußen und das unter Preußens Führung geratene Deutschland über fast zwei Jahrhunderte seinen unangefochtenen Platz in der europäischen Staatenwelt nicht gefunden hatte. Das geht auf das Konto aller Beteiligten, im eigenen Land und bei den Nachbarn.

Das Deutsche Reich von 1871 war, wie Friedrichs Preußen des Hubertusburger Friedens, auf einen Krieg aufgebaut. Ein Berliner sah sich nach der Reichsgründung als Bürger eines Landes, das sich unter Friedrich dem Großen gegen die ganze Welt behauptet, anschließend in den Befreiungskriegen Napoleon zurückgeschlagen, dann die Österreicher 1864 und sodann noch einmal die Franzosen 1870/71 besiegt hatte.

Sein Selbstgefühl, sein deutsches Nationalbewußtsein, leitete sich aus Erfolgen ab, zu denen Friedrich der Große letztendlich den Grund gelegt hatte. Die Siege Napoleons gegenüber Preußen wurden in Episoden umgedeutet, die man schließlich durch den Einmarsch preußischer Truppen in Paris glaubte, korrigiert zu haben. Das Deutsche Reich hatte sich Achtung verschafft. Sie beruhte nicht auf Zuneigung, sondern auf dem Respekt vor der Stärke der Deutschen.

Wie Friedrich der Große versuchte Bismarck, diesen neuen Machtfaktor Deutschland in das europäische Staatensystem einzufügen und einzubinden. Er hatte es von Friedrich gelernt, daß die anderen nur bereit sein können, ein solches Machtgebilde zu akzeptieren, wenn man selbst nicht nur stark, sondern auch maßvoll ist, wenn man seine Ansprüche zu beschränken weiß.

Wo das, wie im Falle Elsaß-Lothringen, nicht geschah, wurden die neuen Gefahren erzeugt. Bismarck versuchte, seine Politik des Maßes mit einem höchst komplizierten europäischen Bündnisgefüge zu erreichen. Aber es überdauerte seinen Rücktritt kaum. Es folgten die beiden Weltkriege. In ihnen hat nun der Mythos Friedrich des Großen eine ganz verhängnisvolle Rolle gespielt, mit der dem Wesen des Alten Fritz eine unsinnige Gewalt angetan wurde.

Der oberste Kriegsherr, Wilhelm II., sah sich als Reinkarnation Friedrichs. Er, seine Heerführer und weite Teile des Volkes fühlten sich 1914 von einer „großen Koalition” eingekreist, wie weiland Friedrich im Jahre 1756. Und wieder sollten die Preußen-Deutschen den anderen beweisen, daß sie imstande waren, einer ganzen Welt trotzig die Stirn zu bieten.

Kein Geringerer als Thomas Mann schrieb 1914 in einem Aufsatz mit dem Titel „Gedanken im Kriege”:
„Deutschland ist heute Friedrich der Große. Es ist sein Kampf, den wir zu Ende führen, den wir noch einmal zu führen haben. Die Koalition hat sich ein wenig verändert, aber es ist sein Europa, das im Haß verbündete Europa, das uns nicht dulden, das ihn, den König, noch immer nicht dulden will, und dem noch einmal in zäher Ausführlichkeit, in einer Ausführlichkeit von sieben Jahren vielleicht, bewiesen werden muß, daß es nicht angängig ist, ihn zu beseitigen. Es ist auch seine Seele, die in uns aufgewacht ist, diese nicht zu besiegende Mischung von Aktivität und durchhaltender Geduld, dieser moralische Radikalismus, der ihn den anderen so widerwärtig zugleich und entsetzlich, wie ein fremdes und bösartiges Tier, erscheinen ließ.”

In diesen Worten werden die Macht des Mythos und seine verderblichen Folgen deutlich. Die ganze Nation wird mit Friedrich dem Großen gleichgesetzt. Friedrich erscheint als Moralist, die übrige Welt aber als haßerfüllt. Der Krieg selbst wird als eine Bewährungsprobe des eigenen Volkes verstanden, das sich gegen eine Welt von Feinden zu verteidigen hat. Militärische Niederlagen sind keine Warnungen, sondern Prüfungen der Seelenkraft. All das ist mit der tiefen Überzeugung verbunden, daß das Wiedererwachen friderizianischen Geistes Deutschland letztlich unverwundbar mache.

Natürlich gab es auch Gegenstimmen; aber Thomas Mann hat hier patriotische Gefühle angesprochen, die zu jener Zeit große Teile der Bevölkerung erfüllten. Übrigens waren damals in keinem der Krieg führenden Länder die Gefühle von Augenmaß und Vernunft geprägt. Der Erste Weltkrieg nahm seinen Lauf — und Wilhelm II. war nicht Friedrich. Dem Willen der Führung, durchzuhalten, fehlte der friderizianische Geist der Mäßigung in den politischen Zielen. An keinem Punkt war das Deutsche Reich im Ersten Weltkrieg unfritzischer als bei den unsinnigen, bis gegen das Kriegsende andauernden Erörterungen über Kriegsziele.

Hier gab es Träume von einer Ausdehnung deutscher Herrschaft, die niemals historisch hätten Bestand haben können. Niemand war solchen Wahnideen ferner gewesen als der Alte Fritz.

Am Ende kam die Einsicht. Der Kampf war sinnlos geworden. Es gab keine den Schlesischen Kriegen Friedrichs vergleichbare Lage. Gerade noch rechtzeitig vor der völligen Katastrophe galt es einzulenken. Die Kapitulation von 1918 war eine schwere und doch im Licht der Tradition eine verantwortungsbewußte Tat. Aber nun, da Deutschland sich in das Geschick fügte, verloren die Gegner jedes Maß. Man setzte Deutschland das Kainsmal der alleinigen Kriegsschuld auf die Stirn, verurteilte es in Grund und Boden und demütigte es, wo und wie man nur konnte. Das mußte seine Folgen haben, sie kamen und sie waren schwer.

Natürlich war auch das deutsche Volk des Krieges müde geworden. Aber noch war ja kein deutscher Boden vom Feinde besetzt. Und als dann die Bedingungen des Versailler Vertrages bekannt wurden, da war das Gefühl in Deutschland allgemein: das haben wir nicht verdient. So kann man uns nicht behandeln. Das ist ungerecht. Hätten wir das vorher gewußt, dann hätten wir weiter gekämpft. Es waren keineswegs nur extreme Rechte, die so dachten, es waren aufrechte deutsche Patrioten. Sie standen damit nicht allein in der Welt.

Keynes, der große britische Ökonom, der an den Verhandlungen auf alliierter Seite teilgenommen hatte, kennzeichnete den Versailler Vertrag als ein Werk „ohne Edelmut, ohne Moral, ohne Verstand”. Hier wurden Drachenzähne gesät, die furchtbar aufgehen sollten. Das politische Klima der jungen Weimarer Republik war von Anfang an vergiftet. Das schreckliche Dilemma aller Weimarer Regierungen war es, daß die Vertreter und Verteidiger der Demokratie sich um des Friedens willen vor den Vertrag stellen mußten, während die Verächter und Zerstörer der Demokratie sich offen gegen ihn wenden konnten. Das alles entschuldigt Hitler, sein Regime und seine Untaten nicht im geringsten — aber es macht doch das Klima deutlich, in dem er gedeihen konnte.

Im Arbeitszimmer Hitlers hing bis zum Schluß, sogar noch im Bunker unter der Reichskanzlei, ein Porträt des Preußenkönigs. Hitler selbst betrachtete sich gewissermaßen als einen Über-Friedrich. Es wurde dafür gesorgt, daß auch das Volk in ihm den neuen Friedrich sah.

Die Otto-Gebühr-Filme über den Siebenjährigen Krieg dienten dem Zweck. Dem Volke wurde eingebleut, daß der „Führer”, gegen alle Wahrscheinlichkeit, am Ende schließlich doch siegen werde. Hitler hielt sich für einzigartig und letztlich unbesiegbar. Am 23. November 1939 sagte er seinen Oberbefehlshabern: „Das Schicksal des Reiches hängt nur von mir ab.” Und weiter: „Preußen verdankt seinen Aufstieg dem Heroismus eines Mannes. Auch dort waren die nächsten Berater geneigt zur Kapitulation. Alles hing von Friedrich dem Großen ab.”

VII.

So war eine große historische Gestalt in einen Mythos verwandelt und als Waffe mißbraucht worden. Als das Verderben kam, wurde mit dem Mythos des Alten Fritz auch seine geschichtliche Person selbst in den Strudel gerissen. Der Heroisierung folgte die Verteufelung. Nun hieß es, eine gerade Linie habe von Friedrich zu Hitler geführt. Beides — Verherrlichung und Verdammung — ist gleichermaßen unhistorisch.

Der Gang unserer Geschichte sollte uns gelehrt haben, dies zu erkennen.

Die Lektionen unseres Jahrhunderts waren deutlich genug. Wir sind gegen Gefahren gefeit, die in der Mythologisierung historischer Gestalten liegen. Damit sind wir aber auch frei zum unbefangenen Blick auf geschichtliche Größe. Friedrich war kein Mensch, den man zu vergöttern hat. Die Abgründe seines Wesens liegen offen zutage. Ohne sie hätte der Mythos nicht entstehen können, von dem sich schwächere politische Nachfahren verführen ließen.

Auch ist unsere Zeit gewiß nicht in der Versuchung, den Staat Preußen, den der Alte Fritz hinterlassen hat, einfach in den Himmel zu heben. Alle Welt hat kritisch zu fragen gelernt, was denn die Werte und Ziele dieses Staates waren. Hatte er sich nicht zum Wert an sich erhoben? War seine Liberalität nicht davon abhängig, daß jeder seine Pflicht erfüllte — im Frieden und im Krieg? Die Preußen dienten ihrem Staat. Welcher Idee diente Preußen?

Sebastian Haffner sagt: Der Haltung und der Selbsterhaltung. Solche Haltungen können zum Guten und zum Bösen führen. Wir haben bitter genug erfahren, daß Pflichtgedanke und Staatsdienst für verwerfliche und letztlich selbstzerstörerische Ziele mißbraucht werden können, wenn der Staat in die Hände von Leitfiguren ohne Maß und Moral gerät.

Das alles wissen wir, und wir haben so gründliche Konsequenzen daraus gezogen, daß sie oft in ein anderes schädliches Extrem umschlagen, nämlich in die Verneinung jeglicher Pflicht gegenüber dem Staat überhaupt.

Mit keinem dieser Extreme werden wir Friedrich gerecht. Wenn auch sein Staat Preußen von der Landkarte verschwunden ist — vieles von dem, was er geschaffen hat, wirkt 200 Jahre nach seinem Tode unter uns fort. Es gehört wahrlich nicht zum schlechtesten Teil der Hinterlassenschaft aus unserer Geschichte.

Dies zu erkennen und zu würdigen, liegt in unserem ureigensten gegenwärtigen Interesse. Wenige Beispiele mögen es belegen. Friedrich der Große und Benjamin Franklin, zwei politische Philosophen, machten erstmalig Menschenrechte in unserem heutigen Sinn zum Bestandteil völkerrechtlicher Abmachungen. Wir finden sie in einem Freundschafts- und Handelsvertrag, den der Alte Fritz ein Jahr vor seinem Tode mit den USA schloß. Noch Jahrzehnte später nannten die Amerikaner Friedrich den einzigen europäischen Souverän, bei dem sie mit ihren „liberalen und erleuchteten Grundsätzen” Zugang gefunden hätten.

Vor allem im innerstaatlichen Bereich stoßen wir bis zum heutigen Tag auf die Spuren Friedrichs. Das fritzische Preußen lieferte den entscheidenden Ansatz, um Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit verfassungsrechtlich zu sichern. Mag auch eine aufklärungsbedingte Religionsverachtung zu seinen Motiven gezählt haben, so ist es doch bezeichnend genug, daß an seinem morgigen 200. Todestag die evangelische Kirche von Berlin-Brandenburg in der Nikolaikirche zu Potsdam in der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik des Alten Fritz gedenken wird, weil er es war, der das Toleranzprinzip zur Staatsdoktrin erhoben hat. Zu den Vorreitern der Demokratie gehörte Friedrichs Preußen nicht. Was er aber auf den Weg brachte, war eine Justiz, die gegen jedermann — egal ob „Prinz oder Bauer” — mit dem gleichen Maß des Gesetzes vorzugehen hatte. Es war nichts geringeres als der erste Rechtsstaat unseres Kontinents. Seine Regierungsform war persönliche Herrschaft. Indessen war er der erste, der sie in die Trägerschaft eines Amtes verwandelte. „Ich habe meine Pflichten gegen den Staat erfüllt”, das durfte er in seinem Testament schreiben.

Er war der erste Diener seines Staates.

Trotz der absoluten Monarchie des Königs herrschte in seinem Preußen durchaus kein bedingungsloser Untertanengeist. Der Minister Zedlitz, dessen Gerichte der Alte Fritz im Falle des Müllers Arnold vergewaltigt hatte, verweigerte kategorisch die Ausführung des königlichen Befehls, die Richter zu bestrafen. Im Widerstreit der Pflichten galt seine Loyalität seiner Überzeugung, nicht seinem Herrscher.

Der Oberst Marwitz nahm lieber seinen Abschied, als einen Plünderungsbefehl Friedrichs zu befolgen. Es war gerade seine Hochachtung vor den Maßstäben Preußens, die es ihm vorschrieb, auf sein Gewissen zu hören. Denkwürdig sind die einfachen Worte auf seinem Grabstein: „Er sah Friedrichs Heldenzeit und kämpfte mit ihm in allen seinen Kriegen. Wählte Ungnade, wo Gehorsam nicht Ehre brachte.” Eine solche Gesinnung war in Preußen keine Ausnahme. Sie war notwendig gegenüber der uneingeschränkten Herrschaft des Königs. Friedrich hatte aber auch das Format, sie zu achten, ja, sie zu erwarten. Es ist derselbe Geist, der bis tief in unser Jahrhundert hineingewirkt hat. In der höchsten Führungsschicht der Nationalsozialisten gab es kaum einen Preußen. Unter denen, die um ihres Gewissens willen Widerstand gegen Hitler geleistet haben und hingerichtet wurden, stammten die meisten aus Preußen. Diese Haltung ist es, die die deutsche Geschichte ehrt und uns verpflichtet. Daß wir Deutschen den Todestag des Alten Fritz nicht gemeinsam dort begehen können, wo er gestorben ist, in Sanssouci, sondern getrennt in zwei Staaten, haben wir nicht seinem Jahrhundert zuzuschreiben, sondern unserem eigenen.

Jeder Teil wird seine Lehren daraus ziehen, so gut er kann. Aber wir sind Teile eines Volkes mit einer gemeinsamen Verantwortung vor derselben Geschichte.

Friedrich hat uns ein unsentimentales, charakterstarkes, reformbereites Gemeinwesen hinterlassen. Kein Volk, auch nicht das unsrige, ist reich an vergleichbaren Persönlichkeiten, deren Maßstäbe weit über ihre Lebzeiten fortwirken.

Es liegt an uns, sorgfältig mit ihrem Erbe umzugehen. Es gibt uns wohl aber auch das Recht, des Alten Fritz zweihundert Jahre nach seinem Tod ohne Scheu mit Verehrung zu gedenken.

Friedrich der Große war und bleibt eine der staunenswerten, überragenden Gestalten der deutschen Geschichte.

Quelle:
Weizsäcker, Richard von: Friedrich der Große.
Die Berliner Rede des Bundespräsidenten zum 200. Todestag des Preußenkönigs.
31 S., Berlin, Argon Verlag, 1986. ISBN: 387024500X
(Hörbuch: EAN: 9783870245009 / 978-3870245009)

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weitere Informationen:

Friedrich der Große uns seine Bedeutung für das heutige Deutschland.
Welche Fundamente hat er gelegt, worin bleibt er vorbildlich?
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