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Die Wacht am Rhein

 


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Warum Preußen die Wacht am Rhein übernahm

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Preußens Rheinprovinz ist wie die Provinz Westfalen ein Werk des Wiener Kongresses von 1814/1815, in concreto seines Kongreßpräsidenten, des österreichischen Staatskanzlers Clemens Fürst von Metternich. Der Kanzler war die traditionelle Politik der nach Österreich zweiten und dritten Macht Deutschlands, Preußens und Bayerns, leid, mit dem Reichsfeind Frankreich zu paktieren, um die eigene Stellung im Reich gegenüber dem seit dem 15. Jahrhundert in der Regel von den Habsburgern gestellten Kaiser zu stärken. Er sorgte deshalb dafür, daß Preußen wie Bayern Gebiete im Linksrheinischen erhielten. Dieser Teil Deutschlands war durch das französische Expansionsstreben nämlich besonders gefährdet, da Frankreich den Rhein als seine "natürliche Grenze" betrachtete.

„Die Wacht am Rhein“: Das in der Preußenzeit erschaffene Niederwalddenkmal
„Die Wacht am Rhein“: Das in der Preußenzeit erschaffene Niederwalddenkmal

Darüber hinaus versprachen preußische und bayerische Gebiete in Deutschlands Westen einen weiteren Vorteil. Es war absehbar, daß sowohl Preußen als auch Bayern eine Landbrücke zwischen Mutterland und Exklave erstreben würden und daß die dazwischen liegenden deutschen Staaten vor diesen Bestrebungen Schutz bei Österreich suchen, also natürliche Verbündete der Donaumonarchie werden würden.

Das alleine erklärt aber noch nicht, warum Preußens Rheinexklave auf dem Wiener Kongreß derart groß ausgefallen ist. Hier ist auf die sogenannte sächsisch-polnische Frage zu verweisen. Der Sachsenkönig Friedrich August I., der seit dem Tilsiter Frieden auch Herzog von Warschau war, hatte bis zu seiner Gefangennahme nach der Völkerschlacht von Leipzig 1813 auf der Seite Napoleons gestanden. Er selber war von den Preußen interniert, sein vormaliges Herrschaftsgebiet von den Russen besetzt. Preußen und Russen waren sich einig, daß Friedrich August seine Ansprüche auf Königreich wie Großherzogtum durch seine Kollaboration mit Bonaparte verwirkt habe und seine Territorien deshalb zwischen Preußen und Rußland aufgeteilt werden könnten. Die Russen sollten mit Ausnahme eines Landstreifens zur Verbindung Schlesiens mit Ostpreußen das Herzogtum übernehmen und die Preußen zur Entschädigung das Königreich.

Sachsens Annexion, die schon Friedrich der Große erstrebt hatte, war denn auch das Verhandlungsziel Preußens auf dem Wiener Kongreß. Großbritannien war damit einverstanden, da Preußen als die kleinste der fünf Großmächte galt und die Seemacht eine Politik des Gleichgewichts auf dem Kontinent betrieb, um ihre eigene Herrschaft über die Meere abzusichern. Österreichs Militär war weniger angetan von Preußens Annexionswunsch, war Sachsen doch ein traditioneller Verbündeter Österreichs gegen Preußen. Zudem schreckte es die Vorstellung einer Verlängerung der österreichisch-preußischen Grenze um die bisherige österreichisch-sächsische.

Metternich, der wie die Briten ein kontinentales Gleichgewicht anstrebte, fürchtete jedoch stärker als ein preußisches Sachsen ein russisches Polen, da Rußland aus den Befreiungskriegen als stärkste Kontinentalmacht hervorgegangen war. Metternich machte den Preußen deshalb ein Angebot. Sie sollten Sachsen erhalten, wenn sie dabei halfen zu verhindern, daß Rußland Polen bekommt. Da die britischen Gleichgewichtspolitiker gleichfalls in Rußland eine potentielle Gefahr für das Gleichgewicht sahen, gelang es dem Führer der österreichischen Außenpolitik, sein britisches Pendant, Henry Viscount Castlereagh, für diese Linie zu gewinnen.

Am 22. Oktober 1814 unterbreitet Metternich dem preußischen Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg sein Angebot. Der Preuße reagiert positiv. Er ist bereit, sich für ein preußisches Sachsen am österreichisch-britischen Widerstand gegen ein russisches Polen zu beteiligen. Bereits einen Tag später kommt es zu einem Treffen zwischen Metternich, Castlereagh und Hardenberg, dem "Komplott vom 23. Oktober", wie der russische Zar Alexander I. das Treffen verächtlich nennt. Am darauffolgenden Tag informiert Metternich Alexander über die am Vortag von den Dreien ausgearbeiteten Alternativen zu Alexanders Polenvorstellungen, um nicht zu sagen: Er konfrontiert den Zaren damit. Das Ergebnis ist ein heftiges Wortgefecht.

Zar Alexander versucht nun, einen Keil zwischen die Regierungschefs und deren Monarchen zu treiben. Im britischen Fall ist das nicht so einfach und vielversprechend. Die Stellung der Regierung gegenüber dem König beziehungsweise dem Prinzregenten ist recht stark und die Gleichgewichtspolitik auf der Insel Konsens. Zudem ist der Prinzregent in Wien gar nicht anwesend - dafür aber der preußische König und der österreichische Kaiser.

Vom 25. bis zum 27. Oktober führt Kaiser Franz I. als Gastgeber mit den beiden anderen am Kongreß teilnehmenden Großmacht-Herrschern eine Vergnügungsreise nach Ofen durch. Der Zar nutzt die Gelegenheit zu dem Versuch, seine beiden Mitreisenden zu einem Abrücken von ihren Staatskanzlern zu bewegen. Bei Franz beißt Alexander auf Granit. Der Kaiser interessiert sich wenig für Politik und vertraut seinem Regierungschef. Bei Friedrich Wilhelm III. ist der Zar dafür um so erfolgreicher. Der Preußenkönig ist gegenüber dem Russen nach der Befreiung Preußens, Deutschland und Europas vom napoleonischen Joch von einem Gefühl schier grenzenloser Dankbarkeit erfüllt, und so legt er nach seiner Rückkehr Hardenberg auf eine rußlandfreundliche Polenpolitik fest.

Von den Preußen nun unterstützt, konnte sich der Zar hinsichtlich des zwischen seinem und Friedrich Wilhelms Reich gelegenen Polen weitestgehend durchsetzen. Aus dem größten Teil des Herzogtums Warschau wurde ein Königreich Polen mit dem Zaren als König gebildet. Dafür, daß es Rußland in der Polenfrage unterstützte, mußte Preußen in der Sachsenfrage zurückstecken. Hier setzten sich Österreich und Großbritannien durch, die nach dem preußischen Kursschwenk in der polnischen Frage sich nun in der sächsischen querstellten - dabei unterstützt vom sachsenfreundlichen und preußenfeindlichen Frankreich. Schließlich schlug der Zar eine Teilung Sachsens vor, ein Kompromißvorschlag, der angenommen wurde. Nolens volens mußte sich Preußen mit etwa zwei Fünftel des Territoriums mit weniger als der Hälfte der Bevölkerung zufriedengeben. Der Rest Sachsens blieb Friedrich August als Königreich erhalten.

Da Preußen seine Verluste des Tilsiter Friedens im Osten größtenteils Rußland überlassen hatte, mit sächsischem Territorium allerdings nur unzulänglich entschädigt worden war, mußte der Verzicht der Siegermacht nun anderswo kompensiert werden. Ganz im Sinne Metternichs und auch Castlereaghs, der wie der Österreicher einem erneuten Vordringen Frankreichs nach Zentraleuropa einen starken Riegel vorgeschoben wissen wollte, erfolgte diese Entschädigung der norddeutschen Großmacht am Rhein.         M. R.

Quelle:
Preußische Allgemeine Zeitung / Das Ostpreußenblatt, Ausgabe 30/07, 28.07.2007

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